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Arlette – Mut ist ein Muskel

Schweiz, Deutschland 2015, 84 Min.

Regie: Florian Hoffmann
Kamera: Katharina Diessner, Matilda Mester
Schnitt: Sven Kulik

Das erste Bild stammt aus einem anderen Film: Ein Mädchen, das Bein von einer Schusswunde versehrt, windet sich weinend im Schmerz, ihr Blick schweift umher, geht ins Leere. Florian Hoffmann, der an diesem vorhergehenden Film – Carte Blanche seiner Mutter Heidi Specogna mitgearbeitet hatte, greift diesen Blick auf. Arlette reist von der zentralafrikanischen Republik nach Deutschland, wo ihr eine Familie, die sie im Kino gesehen hat, eine Behandlung ihrer zehn Jahre alten Verletzung ermöglicht.
Hoffmann begleitet ihre Reise, Arlette fügt ihren eigenen Blick hinzu, mit einer Polaroid Kamera, die Hoffmann ihr gegeben hat. Untersuchungen, Operationen, Rehabilitation, schwierige Kommunikation in der fremden Umgebung, schwierige Kommunikation mit den fernen, zu Hause Gebliebenen über Skype, und die Sprachen, die ein Körper spricht. Was als Reisetagebuch beginnt, wird zu einer intimen Studie über den Umgang mit dem Schmerz, solchem der mit medizinischen Verfahren behandelt werden kann, und solchem der sich dem entzieht. Dann kommt der Krieg zurück und Arlette beschließt, die Reise nach Hause anzutreten. „Mut ist ein Muskel,“ sagt Arlette.

□ Fr., 2.9., 20.00 fsk Kino  (mit Gast)
□ Sa., 3.9. 18.00  Sputnik Kino  (mit Gast)

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Arlett_Tropical

Battles

Belgien, Niederlande 2015, 88 Min., OmeU
Regie: Isabelle Tollenaere
Kamera: Frédéric Noirhomme
Schnitt: Nico Leunen

Bomben aus dem letzten Jahrhundert werden von der Belgischen Armee in hochkontrolliertem Umfeld zur Explosion gebracht. Albanische Bauern nutzen einen Bunker als Kuhstall. In Litauen können Tourist*innen den Krieg als ausgedehntes Abenteuerspiel erproben. Russische Näherinnen verdingen sich mit der Herstellung aufblasbarer Zielobjekte für militärische Übungen. In vier bildintensiv, in kontemplativer Ruhe eingefangenen Kapiteln spürt Isabelle Tollenaere dem Nachleben vergangener Kriege und ihrer Ikonen – Bombe, Bunker, Soldat, Panzer – nach. Dabei verhält sich BATTLES weniger als nüchterne, investigative Recherche. Seine Spurenlese in den gezeichneten Landschaften und Artefakten, seine Beobachtungen von heutigen Körpern, die sich zu den materiellen und immateriellen Resten zurückliegender Verheerungen verhalten, gleichen einer Beschwörung der Gespenster eines kriegerischen europäischen Jahrhunderts.

□ Mo., 5.9., 18.00  fsk Kino
□ Di., 6.9., 20.00  Sputnik Kino

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David

Deutschland 2016, 81 Min.

Regie, Kamera: Sabine Herpich
Schnitt: Maja Tennstedt

Von Montag bis Samstag und oft auch noch sonntags arbeitet David in seiner Werkstatt. Sobald eine Skulptur soweit fertig ist, dass man sie in Bronze gießen kann, beginnt er eine neue, weil er diese Arbeit liebt. Der vordere Raum der Werkstatt ist deshalb ganz angefüllt mit Skultpuren. Eine große Schleifmaschine für Schuhe engt den hinteren Raum ein, dort stellt David selbstentworfene Schuhe her und verdient damit das nötige Geld zum Leben.

□ Mo., 5.9., 18.00  Sputnik Kino  (mit Gast)
□ Mi., 7.9., 20.15  fsk Kino (mit Gast)

Die Geträumten

Österreich 2016, 89 Min.

Mit: Laurence Rupp, Anja Plaschg
Buch: Ina Hartwig, Ruth Beckermann
Regie: Ruth Beckermann
Kamera: Johannes Hammel
Schnitt: Dieter Pichler

Eine Darstellerin und ein Darsteller bei der Arbeit: Sie lesen Briefe in einem Tonstudio, probieren Sätze aus, probieren Rollen an, unterhalten sich über die Figuren und Texte, erzählen von sich selbst, essen in der Kantine, rauchen im Hof und albern rum. Das ist die erste Paarung, Anja Plaschg (die sich als Musikerin Soap&Skin nennt) und Laurence Rupp. Das andere Paar sind Ingeborg Bachmann und Paul Celan, deren Briefwechsel über zwei Jahrzehnte dem Film seine Erzählung gibt. In Ruth Beckermanns vielschichtiger Umsetzung voller Vertretungen, Aufladungen und Übertragungen vermischen sich die Bezüge, verkörpern die einen die anderen, werden Sätze auf immer neue Weise gegenwärtig. DIE GETRÄUMTEN ist das Portrait einer schwierigen Beziehung zweier Literat*innen im Schatten der Katastrophe der Shoah, ein großer Film über Möglichkeit und Unmöglichkeit von Liebe, über Möglichkeit und Unmöglichkeit von Sprache, von Kunst und von Weiterleben, dabei ein Werk von entschiedener Diesseitigkeit und Gegenwart.

□ Do., 1.9., 18.00  fsk Kino
□ So., 4.9., 18.00  Sputnik Kino

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Eva

Deutschland 2015, 85 Min.

Regie, Kamera
Schnitt: Melanie Jilg

Eva ist unterwegs durch Landstriche deutscher Provinz, an ihrer Seite ein Ochse namens Lothar und ein Hund namens Piz. Sie ziehen mit einem Karren über Straßen, Wege und Felder, machen Halt und fragen nach dem Weg. In der Nacht wandert der Mond über den Himmel, Traumbilder schieben sich in die Wahrnehmung. Arbeit in der Landwirtschaft, Anstrengung, Ruhe und Erschöpfung. Bilder, hypnotisch und irrtierend, festgehalten und losgelassen, aufgelesen am Wegesrand, Geräusche der Bewegung und Geräusche der Umgebung, dazwischen und darin eingefügt, Verse eines 1000 Jahre alten isländischen Poems. EVA ist das radikal entschleunigte Road Movie einer äußeren wie inneren Bewegung ohne festes Ziel, ein Abenteuer der Perzeption in Bild und Ton.

□ Di., 6.9., 20.00. fsk Kino
□ Mo., 7.9., 18.00  Sputnik Kino

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Homo Sapiens

Österreich 2016, 94 Min., ohne Dialog

Regie, Kamera: Nikolaus Geyrhalter
Schnitt: Michael Palm

Es dauert eine Weile bis sich der Verstand zurechtfindet, in dem was das Auge vorfindet. Einkaufszentren, bei denen sich die Grenze von innen und außen auflöst, Wohnkomplexe, die unbewohnbar geworden sind, eine Achterbahn, halb versunken im Meer, Gotteshäuser die zum Himmel offenstehen, und nirgends ein Mensch. HOMO SAPIENS präsentiert in langsamen, sorgfältigen Tableaus Stätten des Verfalls, Orte, die zu ganz unterschiedlichen Zwecken von Menschen geschaffen, bevölkert und genutzt wurden und die aus wiederum ganz unterschiedlichen, katastrophischen, ökonomischen, demographischen, Gründen aufgegeben und verlassen daliegen, teils plötzlich, mit noch lesbaren Spuren der rezenten Nutzung, teils erodierend, und immer ist die Natur dabei, sich einzuverleiben, was noch bleibt. Die Bilder fügen sich zu einer unheimlichen Zone, die von menschlichen Bestrebungen spricht und ihrer Prekarität, werden Science Fiction als Blick auf eine posthumane Zukunft. Schönheit und Schaudern genießen im Werk von Nikolaus Geyerhalter schon immer eine große Nähe, in HOMO SAPIENS wird diese Nähe auf eine nochmal ganz neue Art sinnfällig.

□ Do., 1.9., 20.00  fsk Kino
□ Di., 6.9., 18.00 Sputnik Kino

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Hotline

Israel, Frankreich 2015, 99 Min., OmeU
Regie, Kamera: Silvina Landsmann
Schnitt: Silvina Landsmann, Gil Schnaiderovich

Mit ruhig vorgetragenen Argumenten versucht eine Frau einer aufgebrachten Anwohner*innen-Versammlung entgegenzutreten, soziale Ängste, Ressentiments und Vorwürfe fliegen durch den Saal. Die Frau gehört zu Hotline, eine kleine, vorwiegend von Frauen betriebene NGO, die sich in der israelischen Flüchtlingspolitik engagiert. Sie fungiert zum einen als Anlaufstelle für, zumeist aus Afrika kommenden, Menschen ohne Papiere, die über die Sinai Grenze Israel erreichen und denen nach israelischem Recht, dass jeden illegalen Grenzübertritt als Verbrechen einstuft, Gefängnis droht, und zum anderen als Lobbyorganisation gegenüber staatlichen Stellen. Silvina Landsmann konzentriert sich in ihrem Portrait nicht auf die Geschichten der Geflüchteten, auch wenn deren Erschöpfung und Verzweiflung in den Beratungsgesprächen immer wieder spürbar wird. Sie versucht stattdessen etwas Systemisches ins Bild zu bekommen, die Analyse eines politischen Migrationsregimes. Zugleich ist der Film die Beobachtung eines diskursiven Kampfes: in unbeirrbaren Diskussionen mit einer aufgebrachten Öffentlichkeit, Hintergrundgesprächen mit Expert*innen und bei Anhörungen vor Parlamentsausschüssen setzt HOTLINE auf die Macht des Wortes.

□ Mo., 5.9., 20.00  Sputnik Kino
□ Di., 6.9., 18.00  fsk Kino

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Trailer „Hotline“ from Silvina Landsmann on Vimeo.

Lampedusa im Winter

Österreich, Italien, Schweiz 2015, 93 Min.

Regie: Jakob Brossmann
Kamera: Serafin Spitzer, Christian Flatzek
Schnitt: Nela Märki

20 km2 im Mittelmeer, von 6000 Leuten bewohnt, 113 Kilometer von der tunesischen Küste entfernt: Die Insel Lampedusa ist der äußerste Vorposten der Festung Europa und seit 20 Jahren periodisch im Brennpunkt der medialen Aufmerksamkeit für die humanitären Desaster des europäischen Migrationsregimes. Nach einem weiteren Herbst der Katastrophen mit unzähligen auf der Flucht Ertrunkenen begibt sich Jakob Brossmann in einer klassischen dokumentarischen Emphase an den Ort des Geschehens und sucht jenseits medialer Zuspitzungen nach der Normalität im Ausnahmezustand. Die Tourist*innen sind weg, die Fischer haben beschlossen den Hafen zu bestreiken, seit der Weitertransport ihrer Fänge nicht mehr garantiert ist, die Gestrandeten ersehen eine Weiterreise aufs europäische Festland, die Bürgermeisterin bemüht sich um Vermittlung, die Fussballjugend trainiert und der lokale Radio DJ kümmert sich um Stimmung und eine Chronik laufender Ereignisse. LAMPEDUSA IM WINTER erzählt in der Mikrogeschichte eines kleines Gemeinwesens zugleich eine kritische Geschichte der aktuellen europäischen Asylpolitik.

□ Fr., 2.9., 18.00  fsk Kino
□ Sa., 3.9., 20.00  Sputnik Kino

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Miete essen Seele auf

Deutschland 2015, 65 Min.

Regie: Angelika Levi, Christoph Dreher
Kamera: Antje Peters
Schnitt: Angelika Levi

In einer frühsommerlichen Nacht 2012 bauen Leute, die in Sozialwohnungen ums Kottbusser Tor wohnen eine Hütte. Sie nennen das Haus „Gecekondu“, ein türkischer Begriff für informelle Siedlungen, wörtlich in etwa „nachts hingestellt“. Das Gebäude wird zu einem Treff- und Kristallisationspunkt von Debatten und Aktionen, die die politischen Dimensionen gegenwärtiger Urbanität ausloten: Gentrifizierung und Verdrängung, Wohnen zwischen sozialem Raum und Investmentobjekt, Migration und Rassismus. Angelika Levi porträtiert humorvoll Kämpfer*innen und Kämpfe und hält einen glücklichen, ephemeren Moment fest, in dem aus Nachbarschaft als kulturell diversifiziertem Nebeneinander eine vielfältige Nähe und ein Eintreten füreinander wird. Über allem die Frage, worum und wie weit zu kämpfen sich heute noch lohnt. (Spoiler Alert: es lohnt sich allemal.) Und der Chor singt: „Im Schlagschatten des Betons / materialisiert sich die Vision“.

□ Do., 1.9., 20.00  Sputnik Kino  (mit Gast)
□ So., 4.9., 18.00.  fsk Kino  (mit Gast)

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No Home Movie

Frankreich, Belgien 2015, 115 Min., OmeU

Regie, Kamera: Chantal Akerman
Schnitt: Claire Atherton

Es wäre einfach, Chantal Akermans Film (ihren letzten) zu beschreiben als Film über die Beziehung zu ihrer alten, erkrankten Mutter Natalia, überwiegend aus Gesprächen montiert, die die beiden geführt haben, zu Hause und über Skype. Einfach ist aber nichts an ihm. Er fordert heraus in seinen Bildern, deren einfache Consumer-Kamera Ästhetik nicht lange über ihre Komplexität hinwegtäuscht; in scheinbar lose eingebunden Landschaftsbildern, die insistieren genau betrachtet zu werden; in Küchen-Gesprächen um Gott und die Welt, in denen es doch um Leben und Tod geht; in einer Konzentration, die klaustrophobisch werden kann; in thematischen und formalen Bezügen, die sich auf Akermans ganzes Werk beziehen lassen. NO HOME MOVIE heißt der Film. Man liest den Titel zunächst als Spiel mit den Erwartungshaltungen gegenüber Home Movies, dann wird klar, dass das, was zwischen der feministischen Filmemacherin und der aus Polen stammenden Jüdin, die Auschwitz überlebt hat, zur Sprache kommt, bei aller Konkretheit und Individualität keinesfalls in schlicht Persönlichem aufgeht. Am Ende wird es ein Film gewesen sein, über das Nicht-Zuhause-Sein, in einem ganz existentiellen Sinn.

□ Sa., 3.9., 20.00   fsk Kino
□ So., 4.9., 20.00.  Sputnik Kino

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Rudolf Thome – Überall Blumen

Deutsch­land 2016, 84 Min., Farbe
Regie: Ser­pil Tur­han
Buch: Ser­pil Tur­han, Eva Hart­mann
Kamera: Ser­pil Tur­han
Schnitt: Eva Hart­mann

Hanns Zisch­ler, Bruno Ganz, Han­ne­lore Els­ner, Han­nah Herz­sprung – sie alle haben sich in den Fil­men von Rudolf Thome die Zähne geputzt – denn, so Thome: Jeder putzt sie sich anders und das sei doch lus­tig. Jetzt steht Thome selbst vor dem Bade­zim­mer­spie­gel bzw. vor der Kamera, dahin­ter und im Off zu hören ist Ser­pil Tur­han, die ihrer­seits in Tho­mes Fil­men mit­ge­spielt hat. Rudolf Thome erkärt ihr: In einem „rich­ti­gen“ Film wäre der Spie­gel sau­ber, nicht so dre­ckig wie der hier. Aber weil das nun mal kein Spiel­film ist, son­dern ein Doku­men­tar­film, soll der Spie­gel so blei­ben, wie er ist, weist Ser­pil Tur­han an.

Bereits 28 Lang­filme hat Thome gedreht, jetzt will er sein aktu­el­les Dreh­buch mit dem Titel „Über­all Blu­men“ ver­fil­men, aber das Geld dafür fehlt. Was tun? Geld via Crowd­fun­ding sam­meln, die Haupt­rolle ein­fach sel­ber spie­len? Gemein­sam wird über­legt; über ältere Filme von Thome gespro­chen, Aus­schnitte wer­den noch­mals zusam­men geguckt; dazwi­schen die Arbeit im Gar­ten und ein Vogel, der sich im Bau­ern­haus ein­ge­nis­tet hat. Ser­pil Tur­han ist ein lie­be­vol­les und unge­wöhn­li­ches Por­trät eines eigen­sin­ni­gen Regis­seurs gelun­gen.

□ Fr., 2.9., 18.00  Sputnik Kino
□ Mi., 7.9., 18.00  fsk Kino  (mit Gast)

Rudolf Thome – Überall Blumen (Trailer) from Peripher Filmverleih on Vimeo.

Starless Dreams

Iran 2016, 76 Min., OmeU

Regie: Mehrdad Oskouei
Kamera: Mohammad Hadadi
Schnitt: Amir Adibparvar

Die iranische Institution, von deren Umgebung man nur die bewaffneten Staatsdiener zu sehen bekommt, nennt sich „Zentrum für Korrektur und Rehabilitation.“ Drinnen: Junge Frauen, denen vorgeworfen wird, gegen Gesetzte verstoßen zu haben: Drogen-Handel und Konsum, Landstreicherei, Diebstahl und Körperverletzung, auch Totschlag. Drinnen: Mädchen, nachdenklich und aufgeregt im Gespräch, in Freundschaft und in Streit, auf der Suche nach einem Zuhause, in Sehnsucht nach ihren Familien und in Flucht vor ihnen, und manchmal im Zweifel, ob das bessere Leben innerhalb oder außerhalb der Mauern zu finden ist. Gegen Ende kommt ein Imam zu Besuch, erklärt die Welt und beantwortet Fragen. „Mein Herr“, sagt ein Mädchen, „Gestern hat der Richter gesagt, ich wäre ein Bastard. Was soll meine Sünde gewesen sein? Ich war nicht dabei, als sie mich gemacht haben.“ Ein Gruppenportrait in respektvoller Nähe und ein seltener Einblick in eine autoritär durchherrschten Gesellschaft von ihrem äußersten Rand her und dem, was sich Herrschaft widersetzt.

□ Sa., 3.9., 18.00  fsk Kino
□ Mi., 7.9., 20.00  Sputnik Kino

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Starless Dreams Trailer final from Siavash Jamali on Vimeo.

Wenn man sie bedauert, können sie schlecht sterben

Deutschland 2015, 70 Min.

Regie: Friederike Güssefeld

Schnitt: Sven Heußner
Kamera: Tim Kuhn

Es wird viel gestorben, auffällig viel, in dem kleinen Dorf in der Brandenburgischen Provinz: Elf mal, in den letzten paar Jahren, Unglücksfälle und Selbstmorde, tragische, mysteriöse, suspekte und groteske. Achtsam gerahmte Portraits und Gespräche mit denen, die dageblieben sind und dort leben, zu Hause, in Küchen und Wohnzimmern, Gartenlauben und Bastelgaragen. Man erzählt von Vorfällen und Begebenheiten, man macht sich seine Gedanken, man hat seine Theorien, von Geldgeschichten zu bösen Blicken. Die kluge Montage der Gespräche weitet Schritt für Schritt ihren Horizont vom Nekrolog zu einer Chronik des Alltags. Man hat auch viel erlebt, in dem kleinen Dorf: Geschichten aus drei deutschen Systemen, von der Brüchigkeit historischer Verläufe und individueller Lebensläufe. Eine dichte, mal komische, mal bittere, aber nie zynische Studie über Versuche, das eigene Leben in eine Erzählung einzuordnen, die Sinn macht.

□ Fr., 2.9., 20.00  Sputnik Kino
□ Mo., 5.9., 20.00  fsk Kino

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White Coal

Österreich 2015, 70 Min., OmeU

Regie: Georg Tiller
Kamera: Claudio Pfeifer
Schnitt: Viktor Hoffmann

Zwei Bilder zu Beginn: Eine Kranschaufel schüttet Kohle auf, schwarze Staubwolken schieben sich vor die Wolken, füllen langsam die Leinwand. Dann, die Statue einer Arbeiterfigur, leicht gebeugt, auf die Arme gestützt. Zwei Erzählungen um einen Gegenstand: Die Geschichte eines blinden Passagiers auf einem polnischen Kohle-Schlepper, die Motive aus Hermann Melvilles Maskeraden, oder Vertrauen gegen Vertrauen (The Confidence Man) aufnimmt, und eine dokumentarische Vermessung des größten Kohlekraftwerks der Welt in Taiwan. Die eine in 16mm Schwarz-Weiß gehalten, die andere in farbigen Digitalbildern. Narrative Momente um eine Figur, die an proletarische Charaktere des Zwischenkriegskinos erinnert, Aufnahmen, die die Bildsprache des industriellen Films verarbeiten. Maschinerie und von ihr gestaltete Landschaft, Leute bei der Arbeit. Kohle ist zweifellos der Gegenstand von WHITE COAL, ihn leitet jedoch kein investigatives Interesse. WHITE COAL ist ein filmisches Poem, das an an einer Archäologie der Ikonografie des (doch nicht?) zu ende gehenden Industriezeitalters arbeitet.

□ Do., 1.9., 18.00  Sputnik Kino
□ So., 4.9., 20.00 fsk Kino

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Am Kölnberg

Deutschland 2014, 89 Min., deutsch
Regie: Robin Humboldt, Laurentia Genske, Kamera: Johannes Waltermann u.a., Schnitt: Carina Mergens

„Guten Morgen ihr Wixer“ brüllt eine vom fröhlich Balkon, die sich selbst Junkyhure nennt, die andere sagt: „Jugendwahn hab ich keinen, aber der Verfall, der stört mich“. Dass sie hier ihren Lebensabend verbringt, weiß sie. Einer erklärt, welchen Leuten man halt aus dem Weg gehen muss, und will bald endlich aufhören zu trinken, und eine andere besorgt sich Gemüse auf den umliegenden Feldern und strickt an ihrer Emigration nach Jamaika. Weiterlesen

Coming of age

Südafrika, Deutschland 2015, 63 Min., OmU
Regie: Teboho Edkins, Kamera: Samuel Lahu, Schnitt: Rune Schweitzer

Eine Freundschaft seit Kindheitstagen verbindet Lefa und Senate. Als sich für Senate die Chance auftut, eine bessere Schule in der Stadt zu besuchen, bedeutet das auch eine Belastungsprobe für ihre Beziehung. Mosaku ist es gewohnt, mit seinem Bruder Retabile über lange Monate die Schafe zu hüten. Retabile steht nun aber an der traditionellen Schwelle zur erwachsenen Männlichkeit, der auch eine Art Abschied von der gemeinsamen Kindheit bedeutet. Weiterlesen

Familie Haben

Deutschland 2015, 137 Min., deutsch
Regie, Kamera: Jonas Rothlaender, Schnitt: Dietmar Kraus

Nach jahrzehntelangem Schweigen trifft der Regisseur, Jonas Rothlaender, seinen Großvater Günther, der im Laufe seines Lebens mehrere Millionen in riskanten Börsenspekulationen veruntreut hat. Günther lebt 90-jährig, schwer krank und völlig verarmt in einem Altersheim. Weiterlesen

Flotel Europa

Dänemark / Serbien 2015, 70 Min, Omengl.U
Regie: Vladimir Tomic, Schnitt: Srdjan Keca

In Kopenhagen wurde das Schiff „Flotel Europa“ Anfang der 1990-er Jahre zu einem Flüchtlingslager umgewandelt. Der Filmemacher Vladimir Tomic wurde damals als Kind mit seiner Familie und etwa eintausend anderen Menschen aus Ex-Jugoslawien dort untergebracht. Der Film besteht aus Videoaufnahmen, die zu dieser Zeit entstanden, und an die Zurückgebliebenen in die Heimat geschickt wurden. Weiterlesen