Tiere und andere Menschen

Dieser Film will gar keine Dokumentation über den Alltag im Tierheim sein. Er ist das natürlich auch. Ganz ohne störenden Kommentar zeigt der Film den Alltag im ältesten Tierasyl Europas. Dem Wiener Tierschutzhaus, das seit 170 Jahren seinen Dienst versieht. Aber auf einer viel interessanteren und viel tieferen Ebene ist der Film eine spannende Studie über ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht. Neben den nahe liegenden Beziehungen in einem Tierheim zwischen Tier und Tier, zwischen Mensch (als Pfleger, als verantwortungsloser/überforderter oder einfach gestorbener Halter) und Tier (alleingelassen, neurotisch, verunfallt, krank, alt) oder zwischen den dort arbeitenden Menschen untereinander und zu den unterschiedlichsten Besucher(gruppen), gewährt der Film einen Einblick in die Organisationsstruktur dieser großen, alten Wiener Institution: Von der Fütterung der Tiere, der ärztlichen Versorgung, der Vermittlung der Tiere an interessierte Tierhalter, bis zur Gestaltung der hauseigenen Webseite. Es ist sehr sehenswert, wie dieser Film auf vielen Ebenen allein durch liebe- und respektvolle Beobachtung funktioniert und wie sich nach und nach die Komplexität des Themas erschließt. Wenn es einen Frederick-Wiseman-Preis gäbe, dann würde ich diesem Film einen geben.
„Jedes Tierheim birgt einen hochkomplexen Kosmos voller Themen wie Geburt und Tod, aber auch Freiheit und Gefangenschaft, Rechte und Pflichten, Verantwortung und Fahrlässigkeit.“ (Flavio Marchetti)

Österreich 2017, 88 Min.
Regie: Flavio Marchetti
Kamera: Michael Schindegger

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□ Sa., 1.9., 18.00 fsk Kino (zu Gast: Flavio Marchetti)
□ So., 2.9., 20.00 Sputnik Kino (zu Gast: Flavio Marchetti)