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Journey to the West

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Frankreich / Taiwan 2013, 56 Min, Regie: Tsai Ming-liang, Darsteller: Lee Kang-sheng, Denis Lavant, Kamera: Antoine Heberlé, Schnitt: Lei Shen Qing

Ein Mönch (Lee Kang-sheng) geht sehr, sehr – fast schon schmerzlich – langsam, achtsam und mit großer Konzentration durch Marseille, manchmal in Begleitung von Denis Lavant. Mal kann man das sich verändernde Licht, das Vorbeihuschen der Passanten (als würden gerade zwei Filme in einem Bild gezeigt) bestaunen, dann wieder muss der Mönch und seine Ruhe in der wuseligen Umgebung geradezu gesucht werden.

Eigentlich eine Mogelpackung in einer Dokumentarfilmreihe: Der Film ist durchweg inszeniert, kann aber auch als abgefilmte Performance gesehen werden. Jedenfalls eine Gelegenheit, den seltsamen, tollen Film gleich zweimal zeigen zu können.

□ So. 31.8. – 18:00 – fsk Kino
□ Mo. 1.9. – 20:00 – fsk Kino

Berlinale

Wo der Wind so kalt weht

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D 2013, 80 Min., Regie, Kamera: Janina Jung, Schnitt: Quimu Casalprim i Suárez

Sehr genau arbeitet Janina Jung heraus, wie grundlegend sich in den letzten dreißig, vierzig Jahren in ihrem Heimatdorf Emmerichenhain im Westerwald die Beziehungen der Menschen untereinander verändert haben. Man spürt wie fragil, widersprüchlich, fast unhaltbar die Konstruktion von Heimat ist und vielleicht immer schon war. Ist es der fehlende Dorftratsch, sind es die selten gewordenen gemeinsamen Feste, ist es die zusammengebrochene Infrastruktur (fehlende Ärzte, Schulen und Geschäfte), woran sich der Wandel festmachen lässt? Sind es die Zugewanderten, ist es die finanzielle Unabhängigkeit der Jungen von den Alten, die eine spürbare Vereinzelung und Entsolidarisierung der Gemeinschaft mit sich brachten? Am Ende entsteht ein vielschichtiges Stimmungsbild der deutschen Provinz im Jahr 2013.

□ Di. 2.9. – 18:00 – fsk Kino
□ Mi. 3.9. – 20:00 – Sputnik Kino 

 

Weiß der Wind

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D 2013, 80 Min., Regie: Philipp Diettrich, Kamera: Melanie Jilg, Schnitt: Lukas Sander

Zart, fast zärtlich, beobachtet die Kamera eine junge Frau, die nach einer Zeit des Entzugs und der Therapie ihre Familie in Singwitz in der Lausitz besucht. „Der Film nimmt sich Zeit und erzählt in Schwarz-Weiß fragmentarisch von den verloren gegangenen Beziehungen innerhalb einer Familie, aber auch von der Wechselbeziehung zwischen Menschen und Landschaft. Eine Region, die dem neoliberalen Regime egal ist und sich doch in die Biografien der Bewohner*innen einschreibt. So lautet der erste Satz im Film: „Jeder ist für sich selbst verantwortlich.“ Und langsam werden die inneren Risse zwischen Selbstoptimierung und den nicht verwertbaren Möglichkeiten, die das Leben bietet, erkennbar. Aber: Alles nimmt seinen Lauf, so oder so, mit oder ohne uns.“  [Text: Dokumentarfilmwoche Hamburg]

□ Fr. 29.8. – 20:00 – Sputnik Kino  Filmgespräch mit Phillipp Diettrich im Anschluss
□ So. 31.8. – 14:30 – fsk Kino  Filmgespräch mit Phillipp Diettrich im Anschluss

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nebel

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D 2014, 60 Min., Regie: Nicole Vögele, Kamera: Stefan Sick, Schnitt: Hannes Bruun

Am Anfang ist die Leinwand eine weiße Fläche, undurchdringlich. Erst langsam lichtet sich, was als Nebel erkennbar wird, Umrisse lassen sich erahnen, es formt sich ein Bild. Ein Musiker sucht die große Liebe, erfolglos bisher, und macht darüber Lieder. Eine Pudelzüchterin stylt ihre Wettbewerbskandidaten, ein Kapitän steuert über den Bodensee und muss alle 30 Sekunden die Totermann-Schaltung betätigen, eine Menschenmasse verliert sich im stampfenden Rhythmus eines postindustriellen Clubs. Nicole Vögele fügt in ihrem vignettenartig strukturierten Essay Portrait-Miniaturen, durch knappe, lakonische Texttafeln kontextualisiert, zu einem größeren Portrait zusammen, weniger eine Stimmung als eine Bewegung: Menschen bei sich und auf der Suche nach anderen, bei der Arbeit und bei ihren Leidenschaften. Bis sich am Ende wieder alles im Nebel verliert.

□ Do. 28.8. – 20:00 – Sputnik Kino
□ So. 31.8. – 13:00 – fsk Kino

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Fahrtwind – Aufzeichnungen einer Reisenden

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Österreich 2013, 82 Min., Regie, Kamera: Bernadette Weigel, Schnitt: Alexandra Schneider

Aufzeichnungen einer Reisenden heißt der Film im Untertitel, das ist so präzise wie offen. Offen und präzise ist auch der Film selbst: Bernadette Weigel bricht von Wien aus auf, ostwärts: entlang der Donau, nach Bukarest, nach Odessa und weiter über’s Meer. Bilder der Bewegung, Begegnungen unterwegs, Monumente und Alltag und immer wieder: Füße in Bewegung. Gedreht hat Weigel auf Super 8, und erweist damit zugleich ein paar Jahrzehnten Amateurreisefilmen,  wie auch den Tagebuchfilmen der Nachkriegsavantgarde ihre Referenz. So singt der Film seine eigene Melodie. Ohne Interviews und erklärende Kommentare, nicht einmal Untertitel braucht er dazu. Das gilt, ganz direkt, auch für den Soundtrack, der die gesammelten O-Töne, Geräusche, Tonkulissen und Lieder zu einem Anderswo des Unterwegsseins verwebt. Ein Kaleidoskop am Wegesrand aufgelesener Momente, verdichtet zu einem Lied auf die Lust am Reisen und auf die Lust am Kino. (Großer Preis Dokumentarfilm bei der Diagonale 2013)

□ Fr. 29.8. – 18:00 – fsk Kino
□ Mo. 1.9. – 18:00 – Sputnik Kino

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Trailer FAHRTWIND – AUFZEICHNUNGEN EINER REISENDEN von Bernadette Weigel (A 2013) from Stadtkino Filmverleih on Vimeo.